Vier Jahreszeiten

Die Predigt vom Unigottesdienst von und mit Pfarrer Jürgen Harder.

„Irgendjemand im Vorbereitungsteam hatte die Idee und die anderen ließen sich schnell anstecken: „Vier Jahreszeiten”, das soll das Thema des heutigen Gottesdienstes sein. Kaum stand dieses Motto im Raum ereilte uns ein herbstlicher Brainstorm und die Ideen und Assoziationen purzelten nur so heraus. Von Vivaldi über das erste Buch Mose auf italienisch und das Urvertrauen hin zum Change Management und schließlich der Frage, wie sich Blätter am besten konservieren lassen (Laminieren, Kühlschrank oder Pressen?).
Wir haben das alles gesammelt und einen Gottesdienst daraus gebastelt, der nun aus vielen verschiedenen, teils auch ganz persönlichen Gedanken, Texten und Aktionen besteht und selbst ein Stück angewandtes Change Management ist, da das Vorbereitungsteam mehrfach durchgewechselt hat.

Vier Jahreszeiten: Frühling, Sommer, Herbst und Winter – wir dachten an den Novemberregen und die ersten Herbststürme, die die Bäume kahlfegten. Wir erinnerten uns dankbar an den Reichtum der Früchte, die uns der Sommer beschert hat und dachten an die Abschiede, die jeder Wechsel der Jahreszeiten mit sich bringt.
Manche Sorge stand auf einmal im Raum und die Frage: Wie ist das eigentlich mit den vielen Veränderungen, die wir ja nicht nur in der Natur wahrnehmen, sondern auch um uns herum und in uns selbst? Wo geht die Reise hin? Meine eigene Lebensreise? Und die der ganzen Welt?
Bin ich auch nur ein Blatt, das im Herbst durch die Strassen gewirbelt wird und namenlos verschwindet?

„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.”

Dieser Vers aus dem ersten Buch Mose ist Urvertrauen pur. Und ich merke, je länger ich diesen monumentalen Satz vom Anfang der Menschheitsgeschichte lese und betrachte, desto stiller werde ich. Man kann und muss solche Sätze eigentlich nicht erklären, sie erklären sich selbst. Sie sind wie ein Gebirgsteich, der umso klarer wird, je weniger Steinchen man hineinwirft. Auf einmal sieht man bis auf den Grund und spürt in diesen Worten eine unerschütterliche Geborgenheit:

„Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.”

Unsere Erde bleibt im Lot, sie bleibt schön und gastfreundlich/wirtlich und eine Heimat für alle Geschöpfe, eine wunderbare blaue Perle im Weltenraum. Können wir darauf vertrauen, in Zeiten von Fukushima und Klimawandel?

Ja. Es ist wirklich ein Urvertrauen, ein Gott-vertrauen, das hier zum Ausdruck kommt und uns auf dem Grund unserer Seele berühren will. Das uns wie ein kleiner Regenbogen im Herzen befreit zum Gestalten und Genießen, zum Lachen und Weinen, zum Tun und zum Lassen.

„Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen, 11 so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.”

Diese Verheißung aus dem Buch des Propheten Jesaja war die zweite biblische Eingebung, die uns im Vorbereitungskreis erreicht hat. Erstaunlich: der erste Text beschreibt mit der Wiederkehr der Jahreszeiten ein zyklisches, naturhaftes Zeitverständnis und der zweite Text ein lineares, geschichtliches Zeitverständnis. Gott dreht sich nicht endlos im Kreis, sondern er hat etwas vor: mit uns, mit Dir und mit mir, mit der ganzen Welt: „das Wort, das aus meinem Munde geht… wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende.”

Hier deutet sich etwas an, das wir heute Entwicklung oder Fortschritt oder Geschichte nennen: die Unumkehrbarkeit der von Gott geschaffenen Zeit und die tiefe Einsicht, dass Himmel und Erde nicht auf ein blödes Ende in irgendeinem schwarzen Loch zurollen, sondern ein Ziel haben, eine Erfüllung, einen neuen Himmel und eine neue Erde.

Aber sind wir vor diesem gewaltigen, kosmologischen Horizont nicht nur ein Blatt im Herbstwind? Mit unseren kleinen und doch so großen Sorgen und Fragen: wie geht es weiter mit mir inmitten all dieser Veränderungen? Mit meiner Beziehung, meinem Studium, meinen Fragen an Gott und die Welt?

Schauen wir uns die Herbstblätter an, die Dennis mit so viel Liebe und Sorgfalt gesammelt und gepresst hat, so entdecken wir in den Formen, Farben und Strukturen eine wunderbare, staunenswerte Schönheit, Vielfalt und Einzigartigkeit, die ganze Fülle und den Reichtum des Lebens.

Ich habe mir zu Hause so ein vergängliches Herbstblatt lange angeschaut und finde in dieser Blatt-Betrachtung einen dritten biblischen Text, den ich an das Ende setzen möchte:

Den Christushymnus aus dem Kolosserbrief:

Christus ist das Ebenbild des unsichtbaren Gottes,
der Erstgeborene vor aller Schöpfung. Denn in ihm ist alles geschaffen,
was im Himmel und auf Erden ist,
das Sichtbare und das Unsichtbare,
es seien Throne oder Herrschaften
oder Mächte oder Gewalten;
es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen.
Und er ist vor allem,
und es besteht alles in ihm.
Und er ist das Haupt des Leibes,
nämlich der Gemeinde.

Er ist der Anfang,
der Erstgeborene von den Toten,
damit er in allem der Erste sei.
Denn es hat Gott wohlgefallen,
dass in ihm alle Fülle wohnen sollte
und er durch ihn alles mit sich versöhnte,
es sei auf Erden oder im Himmel,
indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz.

Christus ist das Haupt des Leibes, der Gemeinde, und auch der Universitätsgemeinde. Diese Gemeinschaft durch alle Zeiten und alle Veränderungen hindurch wollen wir heute sichtbar werden lassen, zunächst in der Gestaltung eines gemeinsamen Bildes und anschließend in der Feier des Abendmahls.

Das mit dem Bild haben wir uns so gedacht: Hier vorne ist mit einem Wollfaden ein Rahmen abgesteckt und jeder /jede der/die mag kann mit seinem oder Ihrem kostbaren Blatt nach vorne kommen und dieses Blatt in aller Ruhe und in aller Freiheit irgendwo in diesem Rahmen platzieren. Mittendrin oder in einer Ecke, an einem anderen Blatt dran oder drüber oder drunter. Also der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wichtig ist, sich ein bisschen Zeit zu lassen und vielleicht auch nach dem Ablegen des eigenen Blattes noch zu verweilen und zu beobachten, was da für eine gemeinschaftliche Form entsteht.“

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