Vertrauen zu Gott

Und er sprach: „Das Reich Gottes ist so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst, ohne dass er’s weiß. Denn die Erde bringt von selbst Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.“ (Markus 4, 26-28)

Die Predigt zu diesem Bibelwort von Pfarrerin Bettina Sperl

Die Zeit drängte. Morgen mittag soll ich die Arbeit eingeschickt haben. Aber ich komme nicht weiter. Ich bin einfach zu müde. Heute denke ich: Es war einer meiner besten  Entschlüsse  einfach ins Bett zu gehen  und zu schlafen. Ob sich nachts das Problem in meinem Kopf selbst entwirrt hat.  Ob der liebe Gott Erbarmen hatte mit mir?Ich weiß es nicht. Tatsache war: Am nächsten Morgen  konnte ich die Arbeit  zügig zu Ende bringen. Als hätte es nie ein Problem gegeben.

„Leute, welche nicht schlafen, mag ich nicht leiden, sagt Gott. Der Schlaf ist des Menschen Freund. Der Schlaf ist vielleicht seine schönste Schöpfung“.

Hochschulgemeinde. Der Gott so reden ließ, war der französische Dichter Charles Peguy. Mir gefallen diese Worte. Ich möchte sie mir merken: Der Schlaf – Gottes schönste Schöpfung.

Ich weiß inzwischen, wie viele Frauen, wie viele Kinder auch und wie viele Männer schlecht schlafen. Ich denke daran, wie viele Menschen eine Tablette zu Hilfe nehmen müssen, um die Sorgen des Tages endlich loslassen zu können. Und ich denke auch daran, dass es eine schlimme Folter ist, jemanden am Einschlafen zu hindern durch Lärm und helles Licht und Angst und Schmerzen.

„Ich habe die ganze Woche erst vier Stunden geschlafen,“ hat mir jemand vor ein paar Tagen gesagt. Eine junge Frau, der niemand ansehen kann, wie angestrengt sie leben muss zwischen den Anforderungen ihres Haushaltes, ihres Berufes, ihres Mannes, ihrer Schwiegereltern und auch ihren eigenen Erwartungen, die sie an sich hat. Endlich einmal wieder richtig schlafen können, tief hinein sinken in den Frieden der Nacht, in die Geborgenheit und Stille des Schlafes! Kennt ihr diese Sehnsucht ?

Jesus erzählt einmal eine kleine Geschichte: Und er sprach: „Das Reich Gottes ist so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und steht auf Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst, ohne dass er’s weiß. Denn die Erde bringt von selbst Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.

Ein  gutes Bild ist das: Ein Bauer sät und bald sieht er auf dem Feld einen zarten, grünen Schleier, und der Schleier wird immer dichter wie ein Kleid: Das Getreide wächst heran.

Passt diese Geschichte von Jesus wirklich  mit unserem Leben ganz zusammen? Wächst die Ernte wirklich von selbst ? Hätte Jesus nicht besser erzählt von einem Kampf   ? Wir kämpfen um unsere Kinder, um eine Wohnung, der Partner kämpft um seinen Arbeitsplatz, Kinder kämpfen um ein Schulzeugnis, manche kämpfen um einen Menschen oder um Abgrenzung von einem Menschen, andere kämpfen jeden Morgen mit ihrer Angst, manche kämpfen gegen das Alleinsein, gegen die Verzweiflung, gegen Berge von Arbeit………….wir müssen kämpfen und arbeiten, Tag um Tag , und auch nächtelang; und wir machen die Nacht zum Tag, weil der Kampf so viel verlangt.

Es fällt uns ja nichts in den Schoß.

Mir fällt der große Bachinterpret an der Orgel, Karl Richter, ein. Ich habe ihm einmal zugehört, wie er in einer Kirche an der Orgel übte, immer wieder den gleichen Takt, 10 mal, 20 mal, 40 mal. Beim Konzert saß er dann mit geschlossenen Augen an der Orgel, spielte ein ganzes Programm als ob er träume an der Orgel. Aber was wie von selbst zu klingen schien, war hart erarbeitet.

Ist also Jesu Gleichnis unbrauchbar, weil es nicht stimmt?

Mir ist zweierlei an Jesu kleiner Geschichte aufgefallen:

1.Ich habe bisher so getan, als begänne die Geschichte so: „Mit dem Leben ist es wie bei einem Bauern, der Samen aufs Land wirft und sich dann schlafen legt.“ Aber Jesus fängt anders an, nämlich so: „Das Reich Gottes ist so….. d.h.: wenn du mit Gott rechnest, wirst Du die

Erfahrung eines Menschen machen, der eine Arbeit tut und sich dann sorglos schlafen legt.“ Ich verstehe das so: Wenn einer mit Gott rechnet, wird er arbeiten und säen, aber er wird dabei immer wieder zugleich an das wunderbare Geheimnis stoßen, dass der Same wächst, auch während  der Bauer schläft. Und wer dieses Geheimnis entdeckt hat, der kann schlafen, denn auch im Schlaf wächst etwas. Der Schlaf ist ein stilles Bekenntnis zu dem geheimnisvollen Gott, der uns die Treue hält und sich dabei behaften lässt.

Natürlich können wir nicht immer schlafen. Das versteht sich von selbst. Wir haben Zeit und Verantwortung für diese Zeit, dass wir sie ausnutzen. Aber ist es euch nicht auch schon so gegangen, dass ihr am Ende das gelungene Ergebnis eurer Arbeit wie ein Geschenk empfunden habt, so dass ihr nicht nur stolz, sondern vor allem dankbar wart? Ich habe das schon oft erlebt. Und wenn ich manchmal meine Arbeit am Abend liegen lasse und ins Bett gehe, dann denke ich oft im Stillen: „Wie gut, ewiger Gott, dass Du wachst, damit ich schlafen kann!“

Das ist also meine erste Beobachtung zu dem Gleichnis: Jesu Geschichte handelt von Gott: Jesu will offenbar sagen: Wenn einer Gott gefunden hat, wird er auch Schlaf finden können. Gott zu vertrauen, das heißt auch: sich selber Ruhe gönnen. Vielleicht liebte deshalb Martin Luther die Psalmzeile so sehr, in der es heißt: „Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; denn alleine du Herr,  hilfst mir, dass ich sicher wohne.“(Ps 4,9)

2. Das führt mich zu einer zweiten Beobachtung. Ich gehe dazu   zuerst noch einmal einen Schritt zurück. Woher kommt es  eigentlich, dass wir oft keinen Schlaf finden, dass wir ihn uns selbst nicht gönnen? Wir kämpfen gleichsam gegen eine drohende Katastrophe an. Weil wir wissen, was alles passieren kann, wenn wir es laufen lassen, sehen wir uns vor. Wir haben gesät und nun soll das Feld nicht verwildern. Während wir schlafen, wächst auch das Unkraut. Wir haben es oft erlebt.

Merkwürdig, dass Jesus davon keine Silbe erwähnt. Bei ihm reift – während der Bauer schläft – eine gute Ernte heran. Dass die Saat verkommen könnte, daran scheint Jesus gar nicht zu denken. Es liegt doch so nahe, dass jemand aus der Erfahrung seines Lebens erzählt: Ich habe auch gesät und der Same ging auf und wuchs und ich habe alles gepflegt und umsorgt und dann kam über Nacht ein Hagelschlag und in einer Katastrophe endete mein ganzer Einsatz. Wer solche Erfahrungen kennt, der wird sich vorsehen, so gut er kann.

Ich finde es bezeichnend, dass Jesus davon nicht redet, obwohl er natürlich weiß wie wir, dass die Felder, auf denen die Saat unseres Lebens steht, gefährdet sind. Auf Schritt und Tritt war Jesus begleitet von Leuten, die längst entschlossen waren, mit ihm selbst eine Katastrophe zu veranstalten. Die Hagelwolken stehen am Himmel, während Jesus erzählt , dass unter dem gleichen Himmel die Ernte reift.

Das Vertrauen zu dem Gott, der wacht, auch wenn wir schlafen, schließt für Jesus ein, dass er die drohende Katastrophe gleichsam, übersieht, weil sein Blick ganz auf die Ernte konzentriert ist, an der er keinen Zweifel hat.

Mit seinem Gleichnis macht Jesus uns das Angebot, unser Leben genauso zu sehen. Wer dauernd in Angst vor der drohenden Katastrophe lebt, der nimmt mit seiner Angst das Unglück schon vorweg – und die Angst wird ihm den Schlaf rauben. Wer lebt in der Erwartung der Ernte, der kann schlafen, während Gott seine Saat wachsen lässt. Für den kann die Geschichte Jesu zu seiner eigenen Geschichte werden.

Ich denke an eine gute Freundin. 32 Jahre war sie alt und hatt noch immer nicht „ den Richtigen“ gefunden. Im Gespräch sagt eine Freundin zu ihr:“Weißt Du, irgendwo ist da einer, der genau auf Dich zugeht. Der Dein Freund sein will. Glaube mir, Du siehst ihn nur noch nicht“.

Ich denke  an eine Familie mit heranwachsenden Kindern. Wie anders wird alles, wenn die Eltern ihre Kinder statt mit ängstlicher Skepsis voller Erwartung begleiten. Wenn sie sich in ihrem Vertrauen, dass der gute Same einst eine gute Ernte bringen wird, nicht beirren lassen.

Ich denke an eine Ehe, in der das Feuer der ersten großen Liebe erloschen ist. Wie anders wird alles, wenn die Partner nicht erfüllt sind von Schmerz und Resignation, sondern erfüllt sind von der Erwartung, dass neue Möglichkeiten einer tiefen Beziehung vor ihnen liegen.

Auch wenn im Moment alles schrecklich erscheint, so kann ich doch darauf vertrauen, dass Gott mein Glück will  und dass er Gutes für mich bereit hält, auch wenn ich es jetzt noch nicht sehe. Schon das Vertrauen darauf, kann mich ruhig machen und für eine gute Zukunft öffnen.

Ich denke an die politische Entwicklung. Wie anders wird alles, wenn wir nicht fatalistisch vor den trüben Aussichten wie sie sich uns oft darstellen in den Nachrichten über die Welt, den Hunger, das Klima…………….wie anders wird alles, wenn wir nicht vor diesen Nachrichten kapitulieren, sondern  die Vision haben von einer heilenden Erde, die auch morgen Frucht bringen wird , zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre.

Amen

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