Der Maler

Am Ende der Straße, wo die Sternschnuppen hinfalln,
da steht ein buckliges Häuschen im Wind.
Hier wohnte der Maler Francesco bescheiden
mit der Freundin Henriette und dem Malzeug im Spind.

Oft waren die beiden verzweifelt und hungrig,
denn ihre Taschen warn leer wie ein Loch.
Dann malte er ihr sowas kleines, verrücktes
und mit knurrenden Mägen lachten sie doch.

Einmal, als ihnen fast schwarz war vor Augen,
malte Francesco ein duftiges Brot
und auf das Tischtuch den Milchkrug, die Früchte.
Sie aßen und tranken, vorbei war die Not.

So jedenfalls soll es gewesen sein,
So jedenfalls sagen die Großmütter hier.
So jedenfalls soll auch die Kraft deiner Träume sein,
So jedenfalls wünsch ich es dir.

Einst rief man Francesco zum Fürsten des Landes,
er solle ihn malen mit Heiligenschein.
Francesco gehorchte und malte am Ende
zwei zierliche Hörner in das Antlitz hinein.

Man brachte dem Fürsten das Bildnid der Wahrheit.
Die Wutader lief ihm schwarz an im Gesicht.
Er schickte die Häscher, Francesco zu greifen.
Die suchten sein Haus doch sie fanden es nicht.

Längst hatte Francesco das Gras und die Landschaft
perfekt an die Hauswand gemalt, Stück um Stück.
Die Häscher, sie holten sich Beulen im Freien
und liefen zerschlagen zum Fürsten zurück.

So jedenfalls soll es gewesen sein,
So jedenfalls sagen die Großmütter hier.
So jedenfalls soll auch die Kraft deiner Träume sein,
So jedenfalls wünsch ich es dir.

Beim Schlendern im Mondschein ergriffen die Häscher
den wehrlosen Maler und warfen ihn grob
hinein in den Kerker. Francesco durchsuchte
die Taschen und fand etwas Kreide, gottlob.

Der Fürst, der Minister, der Wächter, der Henker,
die stießen am Morgen die Zellentür auf.
Sie sahen an der Decke den Himmel, die Wolken,
an der Wand eine Leiter zum Himmel hinauf.

Und dort verschwand eben ein Fuß in den Wolken.
Francesco der Maler war nicht mehr zu sehn.
Warum seine Freundin darüber nur lachte
das konnten die Leutchen im Ort nicht verstehn.

So jedenfalls soll es gewesen sein,
So jedenfalls sagen die Großmütter hier.
So jedenfalls soll auch die Kraft deiner Träume sein,
So jedenfalls wünsch ich es dir.

GERHARD SCHÖNE (AUS DEM ALBUM “DIE SIEBEN GABEN“, 1982)

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