Keine Berührungsängste!

Paulus aber stand mitten auf dem Areopag und sprach:
»Ihr Männer von Athen, ich sehe, dass ihr die Götter in allen Stücken sehr verehrt. Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: Dem unbekannten Gott. Nun verkündige ich euch, was ihr unwissend verehrt: Gott, der die Welt gemacht hat und alles, was darin ist, er, der Herr des Himmels und der Erde, wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind.
Auch lässt er sich nicht von Menschenhänden dienen, wie einer, der etwas nötig hätte, da er doch selber jedermann Leben und Odem und alles gibt.
Und er hat aus einem Menschen das ganze Menschengeschlecht gemacht, damit sie auf dem ganzen Erdboden wohnen, und er hat festgesetzt, wie lange sie bestehen und in welchen Grenzen sie wohnen sollen, damit sie Gott suchen sollen, ob sie ihn wohl fühlen und finden könnten; und fürwahr, er ist nicht ferne von einem jeden unter uns.
Denn in ihm leben, weben und sind wir.«
(Apg 17,22–28a)


VON JUTTA MÜLLER-SCHNURR

Keine Berührungsängste – das zeigt Paulus, als er im Zuge seiner zweiten Missionsreise in Athen auf die Welt der Bildung und des Wissens, der Philosophie und des akademischen Diskutierens trifft. Keine Berührungsängste!

Die antike Stadt Athen hatte damals zu jener Zeit zwar den Zenit ihrer geistigen und wirtschaftlichen Blüte bereits überschritten, aber dennoch verband sich mit dem Namen dieser Stadt eine große philosophische Vergangenheit, die sich auch jetzt noch bemerkbar machte. Schon zu Zeiten des Paulus zog sie einen Strom von Bildungstouristen an, die sich auf die Spuren eines Sokrates, Platon oder Perikles begaben und etwas einzufangen suchten vom großen Geist der Gelehrsamkeit, der an diesem Ort herrschte.

Paulus ist zwar nicht gerade als Tourist mit Bildungsabsichten angereist – ihn trieb etwas ganz anderes von Ort zu Ort, nämlich die Verkündigung des Evangeliums. Aber dennoch spaziert auch er auf den Straßen und Plätzen umher, schaut sich um, sieht die Architektur, sieht die Monumente und die Heiligtümer der Stadt – und macht sich seinen Reim darauf. Und vieles von dem, was er da sieht und mitbekommt, was von den Menschen hier verehrt und für heilig gehalten wird, vieles von dem gefällt ihm überhaupt nicht.

Die vielen Götterstatuen und der Opferkult, der um sie betrieben wird, all das geht ihm gegen den Strich, weil es seinem eigenen Weltbild, seiner eigenen Religion und auch der Botschaft, die er verkünden will, diametral entgegensteht. Nein, sie sind nicht gerade auf einer Wellenlänge, der Apostel Paulus und die gelehrten und wissbegierigen Athener – und trotzdem lässt er sich auf ein Gespräch, auf einen Dialog mit ihnen ein.

Auch den Athenern erscheinen die Worte und Lehren des Paulus eher merkwürdig und fremd und so bringen sie ihn zum Areopag, einem Hügel der Stadt, auf dem in alter Zeit über Fragen von Erziehung und rechter Bildung verhandelt und entschieden wurde. Hier nun, umgeben von Menschen, die ihm mit Neugier, aber auch mit einer gehörigen Portion Skepsis und mit einem kritischem, ja spöttischen Geist gegenübertreten, hier hält er seine große Rede, die wir eben aus der Apostelgeschichte gehört haben.

Und Paulus zeigt keine Berührungsängste. Er hat aufmerksam hingeschaut und nimmt nun die Fäden auf, die sich ihm in der anderen, so fremden Kultur und Religiosität anboten. Er kanzelt sein Gegenüber nicht ab, sondern er knüpft bei dem an, wo er denkt, eine Ahnung, und eine Sehnsucht nach dem wahren Gott mitten im Gewirr der heidnischen Götterverehrung gefunden zu haben. Er spricht die Athener auf diese Sehnsucht und auf diese Ahnung hin an: »Ich bin umhergegangen und habe eure Heiligtümer angesehen und fand einen Altar, auf dem stand geschrieben: ›Dem unbekannten Gott‹«.

Anknüpfen. Den Faden aufnehmen. Das Gespräch und den Dialog mit dem anderen suchen und aufmerksam sein für die oft nicht gleich offensichtliche, aber doch vorhandene Ahnung, für die Sehnsucht, die Frage nach Gott. So begegnet Paulus der geistigen Elite, und der Welt des Nachdenkens und der Wissenschaften seiner Zeit.

Anknüpfen, Verbindungen herstellen und als Christen das Gespräch suchen – gelingt uns das auch, hier, an dieser Universität? Gelingt Euch das, in eurem Studium, in eurem Nachdenken, Forschen und Lernen?

Bei all den Theorien und Modellen, den Statistiken und Lehrmeinungen, den Untersuchungen und Denkansätzen, mit denen ihr Euch in diesem Semester auseinandersetzen musstet, bei all dem Gelesenen, Gesagten und Gehörten der vergangenen Wochen und Monate, bei all den Leistungsanforderungen und zu erbringenden Credit Points, den Klausurfragen und Hausarbeiten, die gerade in dieser Prüfungszeit manchmal den Götterstatuen des antiken Athens nicht unähnlich wirken, die ihre Opfergaben an Zeit und Schweiß und Nerven unerbittlich einfordern – gelingt es uns bei all dem noch den Blick freizuhaben für den Altar des unbekannten Gottes?

Für die Ahnung, die Sehnsucht und die Frage nach Gott, die auch in unserer Welt des Lernens und der Wissenschaften immer noch ihren Raum und ihre Berechtigung haben will?

Gelingt es uns, dieser Ahnung und Sehnsucht, diesem Fragen nach Gott Gehör zu verschaffen, sie aufzunehmen und an ihnen anzuknüpfen, mitten im Wirrwarr, im Stress und in der Hektik, die ein Semester so mit sich bringt?

„Dem unbekannten Gott“ hatten sie einen Altar errichtet – inmitten all der anderen Gottheiten, die ihr Leben bestimmten.

Vielleicht war das ja eine Art religiöser Rückversicherung der Antike, sodass sich kein Gott je beschweren konnte, im Pantheon der Verehrung vergessen worden zu sein.

Für Paulus jedenfalls war es ein Faden, den er aufnehmen und an dem er anknüpfen konnte und so erzählt er den gebildeten Athenern, die sonst ja alles zu kennen glaubten, vom unbekannten, vom wahren Gott. Von dem Gott, der weder als Götterstatue verehrt, noch durch Opfergaben besänftigt werden will und den auch all unsere Leistungsnachweise und Creditpoints nicht beeindrucken können.

Diesem Gott müssen wir unser Leben nicht im falschen Leistungswahn aufopfern – denn das Leben ist ja sein Geschenk an uns.

Ihm müssen wir keinen Tempel bauen, weder einen Tempel aus Stein, noch einen Tempel der Gelehrsamkeit, in dem er dann wohnen und residieren könnte, denn sein Haus ist die ganze Welt und sein Tempel, seine Wohnstätte, das sind wir selber.

Dieser Gott, den ihr unwissend verehrt, den ihr manchmal nur erahnt, nach dem ihr euch vielleicht auch manchesmal schon gesehnt habt und der die Antwort auf die Frage eures Lebens ist, dieser Gott ist keinem von uns fern. Denn in ihm, so sagt es Paulus, in ihm leben, weben und sind wir.

Dieser Gott hat keine Berührungsängste – er ist uns nah. Ist mittendrin in unserem Leben. In unserem Studieren und unserem Lernen, im Erfolg und auch im Versagen. Er ist uns nah und hält uns, fängt uns auf – auch und ganz besonders dann, wenn wir meinen, den Faden im Leben verloren zu haben.

Und selbst dann, wenn unser Lebensfaden, wenn unsere Lebensspanne einmal zu Ende geht – so wie das Leben all der Menschen, an die uns diese Gedenkinstallation hier in der Kirche erinnern will – selbst dann sind wir noch gehalten, sind getragen und umhüllt von dem Gott, der alles in seinen Händen hält.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, der halte unseren Verstand wach und unsere Hoffnung groß und stärke unsere Liebe.

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