
Schlüsselerlebnis in Ebrach
Gestern war ich im Knast.
Es war der 64. Jahrestag des Kriegsendes, dem ich früher einiges an Ideen, Gedanken und praktischer Arbeit gewidmet hatte – der Ausstellungszyklus „Phönix“ veranschaulichte das Schicksal abgestürzter Flieger des Kriegs. Ich versuchte, neben dem humanitären Versöhnungseffekt der Bergungen deutlich zu machen, dass alle Menschen sich als Piloten ihres Lebensfluges sehen können, dass sie dem Prinzip Streben und Fallen sowohl kollektiv als auch individuell unterworfen sind. Es ging darum den Sturz, welcher Qualität auch sei, zu überstehen, ihn als Schlüsselerlebnis und als ein Werkzeug zu erfahren, mit dem wir den Raum der Zukunft aufschließen können.
In jungen Straftätern sehe ich eher Gestürzte als Feinde der Gesellschaft – viele ihrer Taten und Erlebnisse kann ich, wenn ich mich selbst einer „Ego-Investigation“ unterziehe, verstehen. Ich denke dabei an den Satz von Erich Fried: „Wer gegen die Gesetze dieser Gesellschaft nie verstoßen hat und nie verstößt und nie verstoßen will, der ist krank.“
Keiner von uns Menschen hatte je wirklich ideale Voraussetzungen, keiner hatte je die optimale Kindheit, sie ist ein idealistisches Märchen. Wohl aber haben manche als Kind das Glück und die Möglichkeit, einen Schlüssel zu ihrer Zukunft schmieden zu dürfen, mit dem sie umgehen lernen und der ihnen zuverlässig hilft, die eigenen mentalen Türen zu öffnen, aber auch zu schließen und verschlossen zu halten, wenn zu viel Gefahr droht und tödlicher Absturz.
Es war der Schlüssel der Kunst und das Malen, der mir als Kind gestattete zu träumen. Er vermittelte mir auch, die Prinzipien von „Streben und Fallen“ bewusst zu erleben, die Freude des Höhenflugs und den Schrecken des Sturzes als Teil eines Lebensgesetzes zu erkennen. Die Sicherheit, die mir dieser imaginäre Schlüssel gab, war Gelassenheit, mit der ich existentiell schwierige Situationen überstehen konnte. Die negativen Emotionen, Kräfte, in deren Falle wir immer wieder gehen, konnte ich so leichter durchblicken. Mit seiner Hilfe war es möglich sie in Bilder zu verwandeln – sie bildeten nun keine Gefahr mehr. Ich konnte sie mir gegenüberstellen, mich daran messen und entwickeln.
Das Sinnbild des Schlüssels bedingt als Gegenstück das Sinnbild des Schlosses – das uns verschlossen Scheinende, das wir aufzuschließen haben. Es zeigt sich als die Lebenssituation, die wir als Kind vorfinden, die wir aus dem Vorgefundenen geschaffen haben, oder in der wir uns genau jetzt befinden.
Nirgendwo besitzen Schlüssel und Schloss solch eine Bedeutung wie im Gefängnis. Mit einem psychischen Schlüssel ist es zwar nicht möglich die materiellen Tore zu öffnen, dafür aber innere Türen aufzuschließen. Wir erkennen vielleicht sogar, dass wir in unserem eigenen Denken und Fühlen gefangen sind. Diese Gefangenschaft zeigt sich als ein weitverbreitetes Problem der Gesellschaft. Vielleicht auch erfahren wir die Einmaligkeit der Chance, unsere Einsamkeit als Inkubation zu sehen, die einem positiven neuen Lebensabschnitt vorausgehen muss.
Einsamkeit, Abweisung und Verzweiflung – oder auch der relative Wert der Freiheit sind Erfahrungen, die nicht nur den Menschen in einer JVA begegnen, sondern sie sind auch das alltägliche Brot der Künstler, dem sie sich mehr oder weniger freiwillig aussetzen. Sie sind sowohl der Nährboden, die Voraussetzung und Verantwortlichkeit ohne die ein großes Werk der Kunst und des Lebens nicht entstehen kann.
Vielleicht kann ich in der JVA Ebrach ein wenig davon vermitteln, wie wir einen universellen Schlüssel schmieden können, mit dem es möglich ist das Leben für die Zukunft aufzuschließen.